Marco Bischof: Salutogenese

Marco Bischof Salutogenese

Drachen Verlag, 2010, 445 Seiten, 39,90 €

Marco Bischof, Wissenschaftsautor und Berater zu Grenzgebieten zwischen Geistes- und Naturwissenschaften, hat mit seinem Buch „Salutogenese“ ein umfassendes Grundlagenwerk zum Thema „Integrative Medizin“ und damit auch, wie er es definiert, „Salutogenese“ vorgelegt.

 


Dieser Begriff stammt von dem Soziologen Aaron Antonovsky (1923-1984), der ganz eigene Ansichten von Gesundheit und Krankheit hatte. In „Salutogenese“ wird Bischofs Qualifikation für seine Beratertätigkeit offenbar, findet hier doch immer wieder der berühmte „Blick über den Tellerrand” statt – nämlich über die Tellerränder der wissenschaftlichen Disziplinen, die Bischof versammelt. Und dieser Blick bildet das Leitmotiv, das alle anderen angesprochenen Themen zusammenhält.

 

Den Begriff „Salutogenese“ erläutert Bischof bereits in der Einleitung und macht damit schon früh klar, dass es sich bei den von ihm vorgestellten Konzepten und Systemen um nichts Geringeres als einen Paradigmenwechsel nicht nur in der Medizin handelt. „Salutogenese erfordert einen Menschen“, so Bischof, „der sich selbst für sein eigenes Leben und damit für seine eigene Gesundheit verantwortlich fühlt und sich aktiv und eigenständig für diese einsetzt.“ Das bedeutet in der Tat ein Umdenken: nämlich hin zu Grundlagenforschung eines jeden Patienten bei sich selbst: Welche Anteile habe ich als Patient an dem, was mich belastet und was mich zum Arzt oder Heilkundigen führt? Was kann ich tun, um meine Gesundheit wiederzuerlangen oder die Kräfte zu stärken, die mich gesund erhalten? Es ist zwar einfacher, die Verantwortung für sich selbst an der Garderobe des Arztes oder Heilkundigen abzugeben, aber ob es hilfreicher für den Prozess des Gesundwerdens ist? Die Kernfrage dessen, was Salutogenese meint, nämlich was gesund werden lässt oder gesund erhält, schwingt zwischen den Zeilen immer mit.

Das umfangreiche Buch verleugnet seine Herkunft aus einer Dissertation Bischofs nicht. Dementsprechend nüchtern formuliert können einzelne Passagen sein, etwa da, wo es um die immer wieder eingestreuten geschichtlichen Abrisse zu den einzelnen Themenbereichen wie Psychologie, Psychosomatik und den Beiträgen der Naturwissenschaft zur Entwicklung einer Salutogenese geht. Die braucht es aber – denn sie weiten den Blick. Wer weiß denn schon, dass es bereits 1979 in Medizinerkreisen die Forderung nach etwas gab, das heute erst allmählich in den Fokus der Medizin rückt: dass Medizin nicht allein als „Wissenschaft“ beschrieben werden könne, da dies nicht ihr primärer Auftrag sei, sondern ihr wichtigster Auftrag sei, zu heilen. Und durch diesen begründet, sei ein „Pluralismus“ an Methoden in der Medizin unabdingbar.

Spannend sind Bischofs Überlegungen allemal. Begeisternd zuweilen. Weil Bischof eben über den Tellerrand schaut und zusammenträgt, was er sieht. Der Autor geht den Dingen auf den Grund und scheut nicht davor zurück, weiter zu gehen als Andere vor ihm. So etwa, wenn er bereits vorliegende Konzepte zum System dessen, was „Integrative Medizin“ sei, um das erweitert, was sie seiner Meinung nach zu sein habe und sein könne: Eine „Humanwissenschaft“ sollte sie sein, im umfassenden Sinne dessen, was man als Universalwissenschaft verstehen könnte, Geis­tes- und Naturwissenschaften gemeinsam zum Wohle des Menschen arbeitend.

Doch nicht nur wissenschaftlich betrachtet Bischof seinen Gegenstand, sondern auch geradezu idealistisch, wie seine Betonung der Salutogenese als einer Art Lebenskunst deutlich macht – ein Aspekt, dem er mindestens ein Kapitel seines Buches widmet. Zur Lebenskunst und Gesundheitspflege gehört auch das, was Bischof mit vielen anderen, in seinem Buch aufgeführten Autoren „Selbstkultivation“ nennt. Sie ist Teil eines umfassenden Konzepts der Lebensgestaltung und gehört seiner Meinung nach in das alltägliche Leben. Viele Techniken der Selbstkultivation zählt Bischof auf; neben Yoga und dem christlichen Herzensgebet – um nur zwei aus der umfangreichen Liste Bischofs zu nennen – findet auch Reiki hier seinen Platz.

Das Buch ist rundum gelungen und bis zum Rand voll mit Informationen, wie es für Marco Bischof typisch ist. Viele nachdenkenswerte Anregungen finden sich darin, viele Anstöße, seinerseits über den Tellerrand zu schauen, wie Bischof es offenbar leidenschaftlich gern und mit Gewinn tut. Eines hat der Autor bei aller Leidenschaft für sein Thema zudem nicht übersehen: es ist eine Utopie, ein Ideal, das er entwirft. Die Lebenskunst oder Salutogenese, die er sich für die Menschen wünscht und sie auch beschreibt, bedarf, um von vielen vollständig ausgeübt werden zu können, zudem einer anderen Gesellschaft als der, in der wir leben und in der viele um ihr Überleben kämpfen. Insofern ist sein Entwurf zwar grundlegend, aber dennoch den Utopien zuzuordnen, wie Bischof selbst im Schlussteil seines Buches darlegt, den Wünschen an eine zukünftige, bessere Welt, in der alle Menschen die Möglichkeit haben, ihre Potentiale zu entdecken und zu leben.

Die Stärke Marco Bischofs ist, dass er vernetzt denken und Zusammenhänge herstellen sowie erläutern kann – dies wird in „Salutogenese“ erneut deutlich. Die Schwäche seines Buches jedoch ist, dass es sich um eine Utopie handelt, ein Ideal. Es sei denn man lässt sich davon nicht abschrecken und verwendet die Ideen und Entwürfe als Bausteine für eigenes (Weiter-)Denken, in der eigenen Praxis und in der Kommunikation mit anderen, die ebenfalls, wie Bischof es formulieren würde, „eine integrative Heilkunst verwirklichen”.

Einschätzung der Reiki Magazin Redaktion: Lesenswert

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Franziska Rudnick

Veröffentlicht von

Franziska Rudnick praktiziert seit 1996 Reiki und wurde 2010 in England zur Reiki-Meisterin eingeweiht. Franziska ist Redakteurin des Reiki-Magazins. Ihr Buch "Heilende Begegnung", das 12 unterschiedliche Geistheiler portraitiert, ist 2012 im Windpferd-Verlag erschienen.

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