Albert Amao: Heilung ohne Medizin

Albert Amao Heilung ohne Medizin

Crotona Verlag, 312 Seiten, 19,95 Euro

„Heilung ohne Medizin“ – dieser Titel scheint paradox, bedeutet doch das Wort „Medizin“ von seinem lateinischen Ursprung „Heilkunst“. Heilung ohne Heilkunst also: wie soll das möglich sein können?

Der Autor Albert Amao ist Geisteswissenschaftler und erforscht die Neugeist-Bewegung der USA („New Thought“), aus der auch das so genannte „Positive Denken“ hervorgegangen ist. Der Fokus des Autors liegt dabei nicht nur auf deren Geschichte, sondern auf dem, was sich aus ihr entwickelte. Dabei zeigt er auf, dass möglicherweise die Geschichte der Psychologie an grundlegenden Stellen neu geschrieben werden müsste. Den Schwerpunkt von Albert Amaos vielschichtigen Buches bildet die Beschäftigung mit dem menschlichen Geist und dessen Fähigkeit, Heilung zu ermöglichen. Der Geist erweist sich hierbei als komplex. Eine bedeutende Rolle spielt das „Unterbewusstsein“, über das Amao ausführlich referiert. Dabei zeigt er auch Möglichkeiten auf, mit diesem zu kommunizieren und es zu einem Helfer zu formen.

Der Verfasser spannt in dem aus fünf Teilen zu je sechs Kapiteln aufgebauten Buch einen Bogen von Franz Anton Mesmer hin zu den aktuellen Forschungen zur Gehirnplastizität, der Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu strukturieren. Dies kann durch den Geist bewirkt werden. In der Mitte zwischen Mesmer und der modernen Gehirnforschung, zumindest von der Anordnung der Kapitel her, befindet sich der Psychiater C.G. Jung, für den Religion einen elementaren Bestandteil des Menschseins ausmachte, den er in seiner Lehre und Praxis berücksichtigte.

Es gibt vieles zu erfahren aus „Heilung ohne Medizin“. Wenngleich das vielschichtige, gut recherchierte Buch teilweise den Charakter einer Aufsatzsammlung hat, besonders in den Biographien der Gründer der nordamerikanischen Neugeist-Bewegung, so zieht es spätestens nach dem ersten Drittel in den Bann. Bedauerlicherweise fehlen im Biographie-Teil für wichtige Vertreter der Neugeist-Bewegung, wie Ernest Holmes, William James und Thomson Jay Hudson, der eine entscheidende Rolle bei der Beurteilung der Wurzeln der Psychologie spielt, biographische Eckdaten, die bei den anderen reichlich angegeben sind. Somit fehlt für Leser, die nicht vertraut sind mit der US-amerikanischen Geistesgeschichte, die Möglichkeit, diese Persönlichkeiten kontextuell einzuordnen, und er muss sich selber deren Lebensdaten suchen. Es wäre daher gut, in der Übersetzung solche Daten als Fußnoten oder Anmerkungen des Übersetzers im Fließtext zu finden. Schade finde ich auch, dass in der umfangreichen Bibliographie nur vereinzelt deutsche Ausgaben der dort versammelten Autoren aufgeführt werden, zudem ist mir nicht ersichtlich, nach welchen Kriterien diese erwähnt wurden. Es fehlen beispielsweise Hinweise auf deutsche Ausgaben der Bücher von Bruce Lipton oder Marianne Williamson, um nur zwei Autoren zu nennen.

Die Geschichte der Neugeist-Bewegung selbst ist komplex und lehrreich. Zum einen charakterisiert durch ihre Begründer, die häufig selbst an als unheilbar diagnostizierten Krankheiten litten und ihre Gesundheit auf geistige Weise herzustellen suchten. Der allen gemeinsame Kern, der auch den des vorliegenden Buches bildet, ist die Aufforderung Jesu, das „Reich Gottes“ zu suchen, das als im Menschen innewohnend gedacht ist. Das Bemühen, andere Gedanken als bisher zu denken und andere Gefühle zu kultivieren, führte letztlich auch dazu, die jeweiligen Lebensumstände positiv zu beeinflussen und dies an andere weiterzugeben. So entstanden Bewegungen wie etwa die „Christian Science“ (dt. „Christliche Wissenschaft“) oder „Unity Church“, die auch in Deutschland zahlreiche Niederlassungen und Gemeinden haben.

Zum anderen ist die Geschichte dieser Strömung auch geprägt durch Betrügereien, Fehlschläge und Trugschlüsse im Bereich des Geistigen Heilens, sie werden im Buch benannt.

Für mich einer der spannendsten Teile in „Heilung ohne Medizin“ ist die Geschichte der Psychologie. Wer bislang dachte, sie beginne mit Siegmund Freud, sollte unbedingt dieses Buch lesen. Möglicherweise muss die Geschichte neugeschrieben werden – Albert Amao legt es zwischen den Zeilen nahe, denn die Tatsache, dass 1893 das zentrale Werk von Thomson Jay Hudson, „The Law of Psychic Phenomena“ (etwa: Das Gesetz der psychischen Phänomene, das meines Wissens nicht ins Deutsche übersetzt worden ist) erschienen ist und auch in Europa ein Bestseller wurde, legt dies nahe. Amao erwähnt eine Episode, nach welcher der Komponist Johannes Brahms Hudsons Buch besaß und schätzte, während er 1896 in Wien weilte. Hierzu stellt Amao mindestens eine provokative Frage.

Im vierten Teil von „Heilung ohne Medizin“ geht Albert Amao auf die „Grundlagen der Geistheilung“ ein. Hierzu gehören so bekannte Konzepte wie das „Gesetz der Anziehung“. Amao widmet sich ausführlich der Rolle, die das Unterbewusstsein bei Ermöglichung oder Vereitelung von Heilung spielen kann. Somit ist auch der Placebo-Effekt eines der vielen Themen dieses Buches, neben der Rolle, die Liebe und Vergebung spielen können oder etliche der im Buch genannten energiemedizinischen oder psychologischen Ansätze.

Doch auch wenn man nach der Lektüre dieses komplexen und spannenden Werks zu wissen meint, wie Heilung vonstatten gehen könne, bleibt ein unverfügbarer Rest. Wie es im Buch heißt: „Jede Heilung ist Magie“.

Einschätzung der Redaktion des Reiki Magazin:
Guter Überblick – bemerkenswert!
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Franziska Rudnick

Veröffentlicht von

Franziska Rudnick praktiziert seit 1996 Reiki und wurde 2010 in England zur Reiki-Meisterin eingeweiht. Franziska ist Redakteurin des Reiki-Magazins. Ihr Buch "Heilende Begegnung", das 12 unterschiedliche Geistheiler portraitiert, ist 2012 im Windpferd-Verlag erschienen.

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