Fernöstliche und westliche Medizin

Diese Zusammenstellung der Differenzen und Gemeinsamkeiten von fernöstlicher und westlicher Medizin basiert auf einem Vortrag von Prof. Dr. med. Günter Gunia, Dozent f. Psychosomatik und Traditionelle Chinesische Medizin an der Universität Potsdam und Facharzt f. Allgemeinmedizin.

Hinweis: Die Rechte für diesen Vortrag liegen bei Prof. Dr. med. Günter Gunia, die Wiedergabe wurde für das Internet aufbereitet und entspricht somit nicht exakt der Präsentation.

Differenzen und Gemeinsamkeiten von fernöstlicher und westlicher Medizin

Prof. Dr. med. Günter Gunia
Universität Potsdam
Dozent f. Psychosomatik und Traditionelle Chinesische Medizin
Facharzt f. Allgemeinmedizin

Was ist Gesundheit

Im westlichen Sinne

Das Fehlen von Symptomen, Beschwerden sowie objektiven chemischen oder physikalischen Veränderungen des Köpers oder seiner Funktion.

Im fernöstlichen Sinne

Gleichgewicht von Körper, Seele und Geist.

Gesundheit nach dem Salutogenesemodell von Antonovsky

Erfolgreiche psychobiologische Anpassung an die Umwelt.

Westliche und fernöstliche Diagnostik sowie ihre Ziele

Westliche Diagnostik

  • EKG
  • Analyse Computer
  • Kernspintomographie
  • Ultraschalldiagnostik

Fernöstliche Diagnostik

  • Befragung
  • Betrachtung des Körpers, der Zunge und der Ohren
  • Tasten des Pulses und schmerzhafter Stellen der Körperoberfläche

Ziele der Diagnostik

westlich

Erfassung von objektiven, chemischen und physikalischen Fakten

Fernöstlich

Erfassung von Qualität, Quantität und Interaktion der 5 Grundorgane – Leber, Herz, Milz, Lunge, Niere

Die östliche Fünf-Elemente-Theorie als Tabelle mit Zuordnungen Organen und Elementen sowie das Beispiel Heuschnupfen

Holz Feuer Erde Metall Wasser
Hauptorgan
Zang
Leber Herz Milz Lunge Niere
Nebenorgan
Fu
Gallenblase Dünndarm Magen, Pankreas Dickdarm Blase
Körperteile Innenseite Beine, Leisten, Zwechfell, Rippen Achselhöhle, Innenseite Arme Gesicht, Brust, Seiten Beine, Leisten Brust, Innenseite Arme Brust, Innenseite Beine, Seite des Fußes
Gewebe, Flüssigkeiten Sehnen, Faszien, Nägel Blut, Schweiß Muskeln, Fleisch, Bindegewebe Schleimhäute, Haut Knochen
speichert Blut Lymphe Shen (Geist) Qi Jing
Qualität Geschmack Ton Flüssigkeit Farbe Geruch
Sinnesorgan Augen Zunge Mund, Lippen Nase Ohren
Sinn sehen reden schmecken riechen hören
Geschmack sauer bitter süß scharf salzig
Tageszeit Morgen Mittag Nachmittag Abend Nacht
Klima Wind Hitze Feuchtigkeit Trockenheit Kälte
Farbe Grün Rot Gelb Weiss Blau / Schwarz
Positive Emotionen Freundlichkeit, Fantasie, Tatkraft, Durchsetzung Freude, Liebe, Glück, Ehre, Respekt, Kreativität, Enthusiasmus, Geist, Ausstrahlung, Konzentration, Einsicht, Selbstbewusstheit, Offenheit Ausgeglichenheit, Mitgefühl, Nachdenken, Musikalität, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit Rechtschaffenheit, Mut, Loslassen, Anpassungsfähigkeit, Urvertrauen Sanftheit, Gelassenheit, Wachheit, Stille, Bescheidenheit
negative Emotionen Zorn Innere Unruhe Grübeln Traurigkeit, Depression Angst, Schock

Heuschnupfen

westlich

  • Augenheilkunde
  • HNO-Heilkunde
  • Lungenheilkunde
  • Allergologie

fernöstlich

  • Lunge – Bindehaut
  • Lunge – Nase
  • Lunge – Bronchien
  • Lunge – Haut

Eine Gegenüberstellung der westlichen Krankheitsorientierung sowie der fernöstlichen Organbezogenheit

westlich

  • krankheits-orientiert konfektioniert
  • Nebenwirkungen

fernöstlich

  • patientenorientiert
  • individuell
  • ganzheitlich
  • nebenwirkungsfrei

Fernöstliche Organbezogenheit

  • Tinnitus, Angstzustä;nde, Knie- und Rückenschmerzen, Urogenitalerkrankungen = Störung der Niere
  • Beseitigung der Störung = Beseitigung der Symptome

Behandlung individuell nach Organmustern

Dadurch eingeschränkte wissenschaftliche Beurteilbarkeit.

Indikationen für Ursachen- statt Schmerzbehandlung bei fernöstlicher Medizin durch Akupunktur

Akupunktur

Keine Schmerzbehandlung, sondern Ursachenbehandlung.

Indikationen

  • Erkrankungen des Stütz- u. Bewegungssystems Myofasziales Schmerzsyndrom, Radikulärsyndrom, Pseudoradikulärsyndrom, Arthralgien, Arthrosen, Arthritis rheumatoide Arthritis, HWS-Syndrom, zervikale Spondylitis, Tortikollis, BWS-Syndrom, Thorakalsyndrom, LWS-Syndrom, Lumbago, Ischialgie, Lumbosakrales- Schmerzsyndrom, Koccygodynie, Schulter-Arm-Syndrom, frozen shoulder, Periarthritis humeroscapularis, Epicondylopathie, Karpaltunnelsyndrom, Coxarthrose, Coxalgie, Gonalgie, Tendinopathie, Achillodynie, Morbus Sudeck
  • Neurologische Erkrankungen Kopfschmerz, Migräne, Trigeminusneuralgie, Atypischer Gesichtsschmerz, Intercostalneuralgie, Zosterneuralgie, Phantomschmerz, Stumpfschmerz, Polyneuropathie, Parästhesie, Lähmungen, Hemiparese, Fazialisparese, zerebrale Anfallsleiden, minimale zerebrale Dysfunktion, Entwicklungsstörungen im Kindesalter, vegetative Störung
  • Psychische u. psychosomatische Störungen u. Suchterkrankungen depressive Verstimmung, Depression, Schlafstörungen, Erschöpfungszustand, psychovegetatives Syndrom, Unruhezustand, Entgiftungsbehandlung, und Therapiebegleitung bei Suchterkrankungen (Alkohol, Nikotin, Arzneimittel, illegale Drogen), Bulimie, Adipositas
  • Bronchopulmonale Erkrankungen Bronchitis, Pseudokrupp, Hyperreagibles Bronchialsystem, Asthma bronchiale
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen Funktionelle Herzerkrankungen, Herzrhythmusstörungen, Stenokardie, koronare Herzerkrankung, Hypertonie, Hypotonie, Durchblutungsstörung
  • Gastrointestinale Erkrankungen Funktionelle Magen-Darmstörung, Singultus, Hyperemesis, Oesophagitis, Gastritis, Gastroenteritis, Ulcus ventriculi, Ulcus duodeni, Cholangitis, Cholecystitis, Gallenwegsdyskinesie, Hepatitis, Obstipation, Diarrhoe, Kolon irritabile, Morbus Crohn, Kolitis ulcerosa
  • Urologische Erkrankungen Cystitis, Prostatitis, Pyelonephritis, funktionelle Störung des Urogenitaltraktes, Reizblase, Harninkontinenz, Enuresis nocturna, Impotenz
  • Gynäkologische Erkrankungen Zyklusstöngen, Dysmenorrhoe, Prämenstruelles Syndrom, Klimakterisches Syndrom, Adnexitis, Salpingitis, Mastopathie, Fertilitätsstörungen, Frigidität, Geburtsvorbereitung, Geburtseinleitung, Geburtserleichterung, Laktationsstörung
  • Hals-Nasen-Ohren-Erkrankungen Pollinosis, Rhinitis, Sinusitis, Tonsillitis, Geruchsstörung, Geschmacksstörung, Otitis, Hörsturz, Schwerhörigkeit, Tinnitus, Morb. Meniere, Schwindel, Reisekrankheit, Labyrinthitis, rez. Stomatitis, Stimmstörung
  • Augenerkrankungen Konjunktivitis, Blepharitis, Uveitis, Visusschäche, Glaukom, Retinitis pigmentosa, Maculadegeneration
  • Hauterkrankungen Urtikaria, Neurodermitis, atopisches Ekzem, entzündliche Hauterkrankungen, Akne vulgaris, Furunkulose, Ulcera crures, schlecht heilende Wunden, Herpes simplex, Psoriasis
  • Sonstiges Tumorschmerz, Postoperativer Schmerz, Zahnschmerz, Posttraumatischer Schmerz, Kollaps, Schockzustand, Immunstörung

Vergleich von westlicher und fernöstlicher Medizin am Beispiel der Psychosomatik

 

westlich fernöstlich
Ca. 200 Jahre alt > 5000 Jahre alt
Ausgewä;hlte Erkrankungen werden in der Regel erst nach acht Jahren als solche erkannt, auch heute noch nicht selbstverstä;ndlich Alle Krankheiten, TCM ist Psychosomatik
Behandlung ist gezielt psychosomatisch Behandlung ist immer (zwangslä;ufig) psychosomatisch
Ziel ist die Beschwerdefreiheit bzw. Beseitigung der objektiven Befunde Ziel ist psychosomatische Homöostase auf der Basis der 5-Elemente
Alte Methoden gegen moderne Erkrankungen am Beispiel des Karoshi-Syndroms (plötzlicher Tod durch überarbeitung)
Psychoimmunologie ein modernes westliches Gebiet, das seit Jahrtausenden in der TCM praktiziert wird. Tod des (Ehe)Partners, Pflege eines dementen Angehörigen, Scheidung, Trennung, Eheprobleme nehmen Einfluss auf die Immunologie.

 

Westliche Krankheitsentwicklung – Psychoneuroimmunologie

  • Frustration
  • Depression
  • Aggression
  • Autoaggression
  • Autoimmun

Fernöstliche Krankheitsentwicklung

  • Innere -Zorn, Traurigkeit, Sorge, Nachdenklichkeit, Freude, Angst, Schock
  • äußere – Wind, Kälte Sommer-Hitze, Feuchtigkeit, Trockenheit, Feuer
  • Andere – schwache Konstitution, überanstrengung (geistig u. körperlich), übermäßige sexuelle Aktivität, falsche Ernährung, Trauma, Parasiten, Vergiftungen, falsche Behandlung

Behandlung individuell nach Organmustern

Dadurch eingeschrä;nkte wissenschaftliche Beurteilbarkeit.

Somatoforme autonome Störungen

Es geht aber nicht immer nur darum, paritätisch zwischen verschiedenen Therapieangeboten wählen zu können. Es gibt viele Erkrankungen, bei denen die Schulmedizin kein kuratives Angebot machen kann, wie Tinnitus, Maculadegeneration oder ein ganzheitliches Angebot erfolgreicher ist wie bei:

Funktionelle Herz-Kreislauf-Störungen

  • Herzneurose
  • Vagovasale Synkope
  • Sympathicovasaler Anfall
  • Juvenile hypotone Regulationsstörung

Funktionelle Atemstörungen

  • Hyperventilation (chronisch)
  • Hyperventilationstetanie (akut Seufzeratmung)
  • Pychogener Husten

Funktionelle Magen-Darm-Störungen

  • Meteorismus (Römheld-Syndrom)
  • unspezifische epigastrische Beschwerden
  • Colon irritabile

Funktionelle Muskelbeschwerden

  • Weichteilrheumatismus
  • Fibromyalgie-Syndrom

Funktionelle neurologische Beschwerden

  • Spannungskopfschmerz
  • Schlafstörungen
  • Funktionelle Sexualstörungen
  • Psychogene Appetitstörungen
  • Funktionelle Sehstörungen

Fazit

Während die Schulmedizin bei diesen Erkrankungen verschiedene Strategien wie Pharmakotherapie, Entspannungstechniken oder tiefenpsychologische Verfahren einsetzt, reicht in der asiatischen Medizin wie z. B. in der Akupunktur ein einziges Vorgehen mit wenigen Nadeln, um Körper, Seele und Geist gleichzeitig zu behandeln. Symptome und Ursache zur gleichen Zeit

Wie Sie sehen, gibt es Gemeinsamkeiten von westlicher und fernöstlicher Medizin, wie das Fach Psychosomatik erkennen lässt, doch grundsätzlich überwiegen die Eigenheiten der beiden medizinischen Bereiche aufgrund ihrer eigenen Philosophie, Perspektiven, Diagnostik und Therapie.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Ganz im Gegenteil verbindet man beide Bereiche in sinnvoller Synergie, werden wir uns in Zukunft noch erfolgreicher den Anforderungen des medizinischen Alltages stellen können.

Eine jüngste Umfrage in Deutschland bestätigt diese Hypothese. 80% der Befragten sehen einen Vorteil in der Kombination westlicher und asiatischer Medizin (Akupunktur). Bei denen die bereits Erfahrung mit dieser Kombination haben sammeln können, waren es sogar 90%.

Wenn wir es schaffen, die Ressentiments zwischen beiden medizinischen Bereichen zu beseitigen und eine weltweite (z. B. über die WHO) standardisierte Ausbildungsbasis für die asiatische und integrative Medizin zu schaffen, dann stände einer hochwertigen ökonomischen und ganzheitlichen Gesundheitsstrategie nichts mehr im Wege.

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Prof. Dr. med. Günter Gunia

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Universität Potsdam, Dozent f. Psychosomatik und Traditionelle Chinesische Medizin, Facharzt f. Allgemeinmedizin.

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