Biodanza

biodanza

Geschichte und Hintergrund von Biodanza

Biodanza ist ein System der existenziellen Erneuerung. In der Gemeinschaft der Biodanza- Gruppe entsteht ein geschützter Raum, in dem Integration, Heilung und Erneuerung unserer vitalen Lebensfunktionen stattfindet. Diesen Raum bezeichnet der Begründer des Systems, Rolando Toro Araneda als (mit Liebe) „angereichertes (Energie-) Feld“

Der chilenische Psychologe und Anthropologe entwickelte die Grundlagen des Systems auf der Basis seiner persönlichen Erfahrung, seinem wissenschaftlichen Hintergrund und seinem „Wunsch danach, ins Paradies zu gelangen“.

Vor dem Hintergrund des Holocaust und gleichzeitig eigener Erfahrungen mit Gruppen von ökologisch interessierten Menschen Ende der 60er Jahre, faszinierten ihn die Widersprüche in der menschlichen Seele und die Suche, nach der Quelle der „ursprünglichen Liebe“.

Erste Erfahrungen mit Gruppen von Menschen, die sich trafen um gemeinsam zu tanzen, zu singen und sich, von Musik begleitet, zu begegnen, brachten ihn dann in seiner Arbeit an der Psychiatrischen Klinik in Santiago de Chile mit schwerstkranken Patienten zu einer, für die damalige Zeit, revolutionäre Entdeckung.

Bestimmte ausgewählte Musik bewirkt bei Menschen, die nur noch teilnahmslos vor sich hin vegetieren, dass Augen und andere Körperteile beginnen, sich zu bewegen: die Lebendigkeit kehrt zurück.

Toro fing an, mit einfachen Bewegungsübungen zu experimentieren und befasste sich in den darauf folgenden Jahren intensiv mit der Erforschung der grundlegenden Lebensfunktionen, der vitalen Impulse und postulierte ihre Unterdrückung durch eine repressive Zivilisation.

Seine Arbeit führte schließlich dazu, dass die Universität von Santiago de Chile ihm 1970 auftrug, einen Lehrstuhl für „Psicodanza“ zu entwickeln. Aus diesen Erkenntnissen entstand in Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftler und Psychologen ein komplexes, fundiertes System von Übungen und Tänzen und einem zugrunde liegenden wissenschaftlichen theoretischen Modell, das heute weltweit Anwendung findet: Biodanza, der „Tanz des Lebens“ (Bios- griech. Leben, Danza- span. Bewegung voller Sinn).

Dem System liegt die Idee eines biozentrischen Weltbildes zugrunde, welches das Leben und seine ursprünglichen Möglichkeiten der Selbstorganisation in den Mittelpunkt der Evolution stellt, im Gegensatz zum anthropozentrischen Weltbild, in dem der Mensch (griech. Anthropos) als „Krone der Schöpfung“ fungiert.

Das Biozentrische Prinzip

„Das biozentrische Prinzip hat als Ausgangspunkt die Vivencia (das Erleben) eines Universums, das in Funktion des Lebens organisiert ist.“ (Rolando Toro)

Das bedeutet, dass das Leben als ein langfristig angelegtes Miteinander betrachtet werden kann. Darin entstehen – über das Darwin´sche Evolutionsprinzip hinausgehend, neue Lebensformen nicht durch Mutation und Selektion, sondern durch die Neigung selbstständiger Lebensformen, sich zu verbinden. Sie erscheinen auf einer höheren Organisationsebene wieder.

In diesem Zusammenhang stellt das Biozentrische Prinzip das Leben in seinen vielfältigen Formen in den Mittelpunkt der Schöpfung – Bios – das Leben. (griech.) Das Biozentrische Prinzip ist die Basis, auf der Biodanza als System wirkt.

Als Grundlage der Schöpfung hat, Rolando Toros Sichtweise zufolge, das Leben eine heilige Qualität. Aus seiner Sicht ist jedoch durch die Pathologie der Zivilisationen die Beziehung zum kosmischen Bewusstsein gestört. Die Dissoziation zwischen den unterschiedlichen Bereichen des Lebens, z.B. dem Heiligen und dem Profanen, dem Menschen und der Natur, dem Geist und dem Universum, dem Körper und der Seele soll hinterfragt, und die kosmische Einheit soll wieder hergestellt werden.

Das Konzept von Biodanza sieht die Heiligkeit des Lebens als Ausgangspunkt und schlägt vor, unsere kulturellen Werte neu zu formulieren und den Respekt dem Leben gegenüber zum Bezugspunkt zu machen. Es enthält den Vorschlag das bestehende System zu ändern. Dies soll ideologiefrei, und jenseits kultureller Begrenzungen geschehen.

Die Heiligkeit des Lebens als klare Grundlage des Biozentrischen Prinzips, ist auch das, was das System Biodanza von jeglicher Religion und auch jeder Psychotherapie unterscheidet.

Ausgehend von der biozentrischen Idee organisiert sich das Leben als ein Miteinander und ein Zusammenleben mit dem Göttlichen. Es verbindet das Individuum mit dem Prinzip des Lebens und so erlebt es sich selbst in kosmobiologischer Verbundenheit mit allem was existiert.

Wir Menschen sind durch den Prozess des Lebens mit dem ganzen Universum verbunden. Die Ursache des Universums ist das Leben.

Wir sind Kinder der Sterne. Es ist hilfreich sich daran zu erinnern, wo im Kosmos wir leben und dass sich in jeder Zelle unseres Körpers alle Elemente unseres Universums befinden. Unsere Zellen bestehen aus den gleichen Stoffen, aus denen das Universum sich ständig neu erschafft – aus Sternenstaub.

„Kannst du einen Stern berühren?“, fragte man es. „Ja“, sagte das Kind, neigte sich und berührte die Erde.

Hugo von Hofmannsthal

Mittel und methodischer Ablauf

Biodanza schafft Erlebnisräume. Das portug./span. Wort dafür ist: „Vivencia“ = „Erleben“.

Grundlagen dieser Erlebnisräume sind:

  1. eine Kombination von thematisch ausgewählten und nach musiksemantischen Kriterien ausgewählten Musiken (Musiksemantik= Bedeutungslehre der Musik)
  2. Vielfältigen, ohne Vorkenntnisse durchführbaren themenspezifischen Bewegungs-, Tanz- und Haltungsübungen
  3. Spiegelung und Feedback in der Gruppe

Erleben stimuliert die emotionale Selbsterkenntnis. Dabei findet Kontakt auf verschiedenen Erlebnisebenen statt: Der Kontakt zum Selbst, zum Gegenüber, zur Gruppe, zum „Sein“.

Der Ablauf einer Vivencia ist methodisch und didaktisch vorbereitet und stellt sich als dynamische sinuskurvige Abfolge von motorischer Aktivierung über sensomotorische, affektiv- motorische Integration und sensorische Entspannung bis zur Schlussreaktivierung dar.

Dabei sind Erfahrung und Kompetenz des Facilitators gefragt, um den Ablauf auf die Voraussetzungen und Bedürfnisse der TeilnehmerInnen in der Gruppe abzustimmen und die Gruppenintegration zu gewährleisten.

Die Tänze und Übungen werden vom Facilitator (Ermöglicher, also dem Leiter der Biodanza- Gruppe) verbal und methodologisch angeleitet. Die Anleitung der Tänze ist themenspezifisch und kann u.a. motorische Hinweise und/ oder Alltagsbezüge beinhalten. Benutzt wird eine klare, bis poetische Sprache. Teil der Anleitung ist auch, bestimmte Tänze kurz vorzutanzen, um das „Wiedererinnern“ auf neuronaler Ebene anzusprechen.

Musik und Übungen basieren auf dem Theoretischen Modell von Biodanza, das von Rolando Toro in Zusammenarbeit mit weiteren Wissenschaftlern u.a. nach biologischen, physiologischen und psychologischen Kriterien entworfen wurde. Das klingt sehr trocken und wissenschaftlich, schafft aber Voraussetzungen für jegliche Art menschlicher Empfindungen.

Vitale Impulse, Ausdruck und Neugier, Spiel, Kontakt, Zärtlichkeit und Berührung, Brüderlichkeit, Gemeinschaftssinn und Zughörigkeit, Erotik und Anziehung, kosmisches Bewusstsein bis hin zu Ekstase können in diesem Rahmen, je nach Gruppenvoraussetzung und Angebot entstehen.

Biodanza arbeitet nonverbal, ausschließlich über das Erleben, mit den Mitteln des Feedbacks, der Synthese und den Selbstheilungskräften des Körpers.

Dabei ist für die TeilnehmerInnen die Komplexität des Systems vor allem dadurch spürbar, dass durch regelmäßige Teilnahme an den Angeboten, ursprüngliche menschliche Fähigkeiten von Empathie, Wünsche nach einem sinnerfüllten harmonischen Alltagsleben und ein entspannter liebevoller Kontakt mit der Umwelt (wieder-) erweckt, und damit spürbar werden.

Seit mehreren tausend Jahren leben wir in kulturellen Kontexten, die Macht und materiellen Gewinn in den Mittelpunkt des Lebens stellen. Das hat durch die vielen Jahre der Geschichte zu destruktiven Formen geführt und ist Grundlage für die tiefe Krise, in der wir heute leben. Unsere kulturellen Werte richten sich gegen das Leben.

Die Idee des Systems Biodanza ist, dass wir Menschen durch unsere Begegnungen, Bewegungen, unseren Tanz, in jedem Moment unseres Lebens die Bedingungen der Ernährung des Lebens wiederherstellen können.

Dies geschieht in Biodanza durch Gesten, Bewegungen, nonverbale Kommunikation, das Leben im Hier –und Jetzt, in einer liebevollen Beziehung zu sich selbst, zu seinem Gegenüber und dem Kosmos. Die Magnetismen des Tanzes erzeugen kreative, erotische, affektive und biologische Felder, welche die große Zeremonie des Lebens darstellen.

Das theoretische Modell

Es dient der Veranschaulichung und Weiterentwicklung von Biodanza und der dort stattfindenden Prozesse.

Ein wissenschaftliches Modell ist ein vom Forscher konstruiertes „Abbild“ für ein System der Wirklichkeit. Dieses Bild hat semantische und plastische Eigenschaften[…]

Das Theoretische Modell

Das Theoretische Modell (Reduzierte Darstellung)

Modell und Realität stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander und befinden sich in permanenter Weiterentwicklung.

Das theoretische Modell von Biodanza sieht sich in einem kosmischen Zusammenhang, ist also verbunden mit dem Entstehungsprozess des Lebens und seiner phylogenetischen (stammes- geschichtlichen) und ontogenetischen (entwicklungs-geschichtlichen ~ von der Eizelle zum Individuum) Entwicklung. Die Ontogenese schreitet durch Prozesse der Reifung und Differenzierung fort, besitzt eine ebenfalls fortschreitende Komplexität und macht Entwicklungssprünge, „Transtase“, genannt, durch die sich die existentielle Integration realisiert.

An diesem integrativen Prozess beteiligt sind drei Formen des Unbewussten:

  • Persönliches Unbewusstes (Gedächtnis des Individuums) -nach Sigmund Freud
  • Kollektives Unbewusstes (Gedächtnis der Spezies) -nach Carl Gustav Jung
  • Vitales Unbewusstes (Kosmisches Gedächtnis) -nach Rolando Toro

Entsprechend dem theoretischen Modell von Biodanza verfügt jeder Mensch über ein genetisches Potential, das durch die DNA festgelegt wird. DNA besteht aus der Verkettung einer bestimmten, je nach Spezies festgelegten, Anzahl von Chromosomen.

Gene sind in den Chromosomen angelegte Faktoren. Diese Faktoren unterliegen wiederum zwei verschiedenen Aspekten: einerseits denen, die unveränderlich durch die Erbfolge festgelegt sind. Die Medizin bezeichnet diesen Aspekt der Genfunktionen als „Text“.

Der andere Aspekt der Genfunktionen, nämlich, die Regulation der Genaktivität, unterliegt in hohem Maße situativen Einflüssen und wird überwiegend nicht vererbt, sondern richtet sich nach den aktuellen Umgebungsbedingungen, sowohl einzelner Körperzellen, als auch nach denen des gesamten Organismus.

Forschungsergebnisse aus der jüngsten Zeit des Wissenschaftszweiges der Psycho-Neuro-Immunologie bestätigen das theoretische Modell von Biodanza.

Dieser relativ junge Wissenschaftszweig (abgekürzt: PNI) untersucht, wie sich Immunsystem, Nervensystem und Psyche gegenseitig beeinflussen und miteinander kommunizieren. Sie belegt zunehmend, was erfahrene Ärzte schon lange wissen: Rebelliert die Seele, streikt früher oder später auch der Körper. Das betrifft Depressionen genauso wie Stress- und Herzerkrankungen, Krebs und AIDS.

Es wurde experimentell nachgewiesen, dass individuelle Erfahrungen im Organismus Reaktionsmuster ausbilden, die einen Einfluss auf die Regulation der Genaktivität in zukünftigen Situationen haben. Dieser Teil der Gene ist also „lernfähig“ und imstande, durch die Ausbildung von neuronalen Netzwerken bestimmte genetische Reaktionsmuster, die auch für zukünftige Erlebnisse gelten, einzustellen.

Die fünf Erlebensbereiche von Biodanza

Biodanza benennt fünf Erlebensbereiche: Vitalität – Sexualität – Kreativität – Affektivität – Transzendenz.

Sie werden durch die Erfahrungen in den ersten drei Lebensjahren, in Biodanza „Protovivencia“ genannt, mehr oder weniger stark, beeinflusst. Diese ersten Prägungen entstehen durch positive und negative Faktoren aus Umwelt und Kultur, durch Einflüsse im Umgang mit anderen Menschen (Öko-Faktoren), sowie im Körper selbst stattfindende Prozesse (Co-Faktoren).

Die fünf Linien entwickeln sich nicht linear, sondern fördern, bzw. hemmen sich gegenseitig. Ihre Entwicklung lässt sich ganz anschaulich an einer Kutsche mit fünf Pferden verdeutlichen: Die Kutsche bewegt sich so schnell, wie das schwächste Pferd vorgibt. Eine optimale Entwicklung der persönlichen gesunden menschlichen Potenziale kann also nur durch die gleichmäßige Entwicklung der fünf Linien erfolgen – wir trainieren also die langsamen Pferde und beeinflussen so gleichzeitig die gesamte (Entwicklungs-) Geschwindigkeit…!

Videos

Beide in englischer Sprache.

Das erste Video gibt einen sehr guten Eindruck zur Erfahrung einer Vivencia, Gefühlen, möglichem Ausdruck und Begegnungen:

Im folgenden Video wird gut erklärt, was Biodanza ist, dazu Teilnehmerstimmen, auch mit Eindrücken aus der Arbeit mit behinderten Menschen:

Quellen

  • Ausbildungsunterlagen Biodanza (IBF)
  • Rolando Toro – Didaktische Fortbildung/ Mailand 2009/2010, Mitschrift Lamia U. Kriener
  • Rolando Toro „Das System Biodanza“/ Tinto Verlag, 1. Auflage 2010
  • Joachim Bauer „Das Gedächtnis des Körpers“/ Piper Verlag, 5. Auflage 2005
  • Fotonachweise: Thumbnail (c) Fotolia 117 268 950 – Sergiy Bykhunenko
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Lamia Kriener

Veröffentlicht von

Aktive Tanzerfahrung seit 1976: Ballett, Jazztanz, Gesellschaftstanz, Rock'n'Roll, Orientalischer Tanz seit 1988. Ausbildung im Tanzkonzept Nahema© I u. II in München 1993 - 98. Fortbildungen/ Kurse in Performance Mary Fulkerson (GB) 1996/97, Living Dance® Anna Halprin (USA) 1995. Ausbildung in Biodanza an der Rolando Toro Schule Köln/ Direktorin Gabriele Freyhoff 2002 - 05 (IBF). Weiterbildung zur Didaktischen Lehrerin bei Rolando Toro Araneda in Mailand 2009 - 2011. Leiterin bei Kongressen, Symposien und Festivals in Deutschland, England, Frankreich, Italien und Portugal. Mitglied, Koordinatorin und Korrespondentin für Deutschland im internationalen Biodanza Netzwerk Embrace.

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