Martin Grunwald: Homo Hapticus

Martin Grunwald Homo Hapticus

Im Zusammenhang mit Büchern oder Zeitschriften wird zuweilen von deren haptischen Qualitäten oder dem haptischen Erlebnis gesprochen – also davon wie es ist, Buch oder Zeitschrift in den Händen zu halten und darin zu blättern. Die Stärke, Struktur und Biegsamkeit des Papiers zu fühlen, das Gewicht des Mediums, das sind alles Erfahrungen, die durch den Tastsinn vermittelt werden. Aber ist das wirklich alles, was der Tastsinn vermag: Dinge wahrzunehmen, indem man sie berührt? Ist er nicht viel mehr? Gehört dazu nicht auch eine innere Wahrnehmung, nämlich die des eigenen Körpers? Das Sachbuch „Homo Hapticus“ des Experimentalpsychologen Martin Grunwald beantwortet diese sowie etliche weitere Fragen und breitet ein vielfältiges Spektrum an Wissen über den Tastsinn aus. „Ohne dieses Sinnessystem wüssten wir nicht einmal, dass wir existieren“, so der Hirnforscher Martin Grunwald. Und schon zu Beginn des Buches erläutert der Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, was genau er damit meint: „Unser Tastsinn hält im Hintergrund den Geist unseres Körpers zusammen.“

Das Buch illustriert diese Aussage lebendig und mitreißend. Es beginnt mit einem kleinen Mädchen und dessen unauffindbaren Lieblingsschnuller, der von der Kleinen aus zunächst unerfindlichen Gründen allen anderen vorgezogen wurde – und spannt so einen weiten Bogen von der jüngsten Tochter des Verfassers Martin Grunwald über die Entwicklung des Fötus im Mutterleib hin zur Entwicklung raffinierter Produkte, die den Tastsinn des Kunden ansprechen und ihm gefallen sollen.

Und wie Martin Grunwald den Bogen spannt! Seinerzeit habe ich noch gelernt, dass als erster Sinn beim Fötus das Gehör sich entwickelt. Doch Grunwald zeigt, dass dies vielmehr der Tastsinn ist. Ehe alle anderen Sinne sich ausbilden, ist das Spüren und Tasten schon präsent und ermöglicht dem heranwachsenden Wesen im Mutterleib, seine Welt und sich selbst zu begreifen. Dies im wahrsten Sinne des Wortes: der heranwachsende Fötus berührt sein Gesicht. Eine Geste, auf die später auch Erwachsene zurückgreifen, meist, ohne sich dessen bewusst zu sein. Von der Psychologie wird dies als „Verlegenheitsgeste“ bezeichnet. Doch Martin Grunwald zeigt nachvollziehbar auf, dass sie etwas Anderes ist, und welchem – unbewussten – Zweck sie dient. Eine der vielen Überraschungen, mit denen der Experimentalpsychologe aus seiner jahrzehntelangen Forschungsarbeit und Erfahrung aufwarten kann und die die Lektüre von „Homo Hapticus“ zu einer Reise durch Biologie, Psychologie und den Feldern des Produktdesigns macht.

Mehr zufällig haben Martin Grunwald und sein Team außerdem herausgefunden, welchen Zusammenhang es zwischen Störungen des Tastsinnes und Störungen der Gehirnfunktion gibt – etwa solchen wie verschiedenen Formen der Demenz und gestörter Wahrnehmung des eigenen Körpers, wie jener, wo dieser im Vergleich mit anderen immer als zu dick empfunden wird. Angeregt durch seine Forschungen hat Martin Grunwald einen Anzug aus Neopren entwickelt, der in der Therapie von Magersucht mittlerweile erfolgreich eingesetzt wird.

Martin Grunwald Homo HapticusDoch nicht allein das: den Tastsinn zu entwickeln und zu erforschen, wie es Babys und Kinder tun, die mit ganzer Konzentration und Hingabe ihren Körper und die Welt ertasten und begreifen, ist, wie Martin Grundwald nachweisen kann, unerlässlich für die Entwicklung des Gehirns. Es gibt im Gehirn nicht einen Bereich, der die unablässig einströmenden Informationen, die vom Tastsinn geliefert werden, verarbeitet, sondern das gesamte Gehirn ist daran beteiligt. Sämtliche Informationen, die der Tastsinn über den inneren Zustand des Körpers und dessen Position im Raum sowie über die ihn umgebende Welt liefert, werden in allen Bereichen des Gehirns wahrgenommen und interpretiert. Grunwald zeigt, dass der Mensch zum Menschen wird, indem er buchstäblich die Welt begreift. Kinder entwickeln ihr Gehirn durch die Auseinandersetzung mit der sie umgebenden dreidimensionalen Welt. Insofern kann man darüber nachdenken, wie sinnvoll es ist, kleinen Kindern bereits einen Touchscreen in die Hände zu geben.

Der Verfasser zeigt in „Homo Hapticus“ durchgängig, dass es nicht nur für Babys und Kinder lebens- und überlebenswichtig ist, berührt zu werden und sich selbst sowie andere und die Welt zu berühren – sondern auch, wie immens wichtig dies für den Menschen während seines ganzen Lebens, in allen körperlichen und seelischen Zuständen und im hohen Alter ist. Der Hirnforscher legt dar, warum eine Umarmung tröstender ist als Worte, welche positiven Auswirkungen leichte, scheinbar unbeabsichtigte Berührungen auf die innere Verfassung und Laune eines Menschen haben können und wie lebenswichtig es ist, von anderen Menschen im therapeutischen Kontext berührt zu werden und andere zu berühren.

Grunwald schreibt dazu: „Obwohl wir die einzelnen biochemischen Mechanismen nur ansatzweise verstehen, zeigen die … Befunde sehr eindrücklich, dass durch adäquate Berührungen in jedem Menschen eine körpereigene Apotheke geöffnet werden kann, deren natürliche Substanzen sowohl psychische als auch körperliche Prozesse positiv beeinflussen.“ In einer Zeit der hochgerüsteten Medizinindustrie, wie der Autor schreibt, eine nachdenklich machende Aussage.

Einschätzung der Redaktion des Reiki Magazins: Sehr inspirierend!

Droemer, 288 Seiten, 19,99 Euro

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Franziska Rudnick

Veröffentlicht von

Franziska Rudnick praktiziert seit 1996 Reiki und wurde 2010 in England zur Reiki-Meisterin eingeweiht. Franziska ist Redakteurin des Reiki-Magazins. Ihr Buch "Heilende Begegnung", das 12 unterschiedliche Geistheiler portraitiert, ist 2012 im Windpferd-Verlag erschienen.

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