Jakob Bösch: Parapsychiatrie

Jakob Bösch Parapsychiatrie

Scorpio Verlag, 240 Seiten, 17,99 Euro

„Parapsychiatrie“ heißt das jüngste Buch des Psychiaters und emeritierten Chefarztes der Psychiatrie, Jakob Bösch; ein provozierender Titel. Provozierend, weil die Assoziationen dazu eher weit weg weisen von dem, was heutzutage in der Psychiatrie als fortschrittlich und modern gilt. An Geister denkt man da, an Spukgeschichten, doch eher nicht an aufgeklärtes Denken oder gar eine solche Medizin.

Passend aber in einer Zeit, da der höchste Krankenstand laut Krankenkassen nicht mehr ausgelöst ist durch Infektionskrankheiten der Atemwege oder Rückenbeschwerden, sondern durch – Depressionen. An Depressionen und Angsterkrankungen leidet inzwischen jeder fünfte Erwachsene, Tendenz steigend.

Passend, weil angesichts der steigenden Zahl seelisch Erkrankter evident ist, dass andere und neue Wege ausprobiert und gegangen werden müssen, um den Menschen zu helfen. Jakob Bösch tut dies bereits. Er integriert Spiritualität, Alternativmedizin und spirituelles Heilen in die Psychiatrie. Wie dies im Einzelnen aussehen kann, stellt er in „Parapsychiatrie“ vor. Dabei erwähnt er freimütig auch die Gedanken, die ihm während mancher Begegnung, sei es im therapeutischen Gespräch oder während seiner Assistenzzeit bei einem philippinischen Geistchirurgen, durch den Kopf gehen. Auch unterzieht er sich einem ungewöhnlichen Selbstexperiment und lässt den Leser daran teilhaben. Schon wegen dieser Offenheit ist die Lektüre bereichernd.

Jakob Bösch erzählt in biographischen Episoden aus seinem Berufsleben als Arzt und Psychiater, der, zunächst geprägt von einem katholischen, bäuerlichen Elternhaus, zu dem wurde, was er heute ist: ein Grenzgänger zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität. Spirituelle Nahrung hat Bösch dafür bereits in seiner Kindheit bekommen, denn die Frömmigkeit, die er als Bub kennenlernte und lebte, trug ihn durch manche Schwierigkeit. Sie beflügelte ihn, er wollte lieber Missionar als Senn werden. Es ist anders gekommen – wenngleich das Missionarische nicht ganz untergegangen ist. Nur hat es jetzt einen Platz beim Mediziner bekommen, der in seiner Ausbildung so manches erlebte, was ihn am Sinn der ihm gelehrten Psychiatrie zweifeln ließ. Patienten etwa, die psychotische Schübe erleiden, derart, dass sie in ihrer Innenwelt zu ertrinken drohen, isolierte man seinerzeit und verbot sogar jeglichen Körperkontakt, wie Bösch sich erinnert: „Diese Patientin flehte uns verzweifelt an: ‚Nur die Hand halten! Halten Sie nur einen Moment wenigstens meine Hand, bitte, bitte!‘“

Diese Begebenheit hat ihn zusätzlich angetrieben auf der Suche nach einer menschlichen Psychiatrie. Doch auch für sich selbst suchte Jakob Bösch neue Wege. So ging er – Chefarzt der Psychiatrie – zu einem philippinischen Geistchirurgen in die Lehre und erfuhr am eigenen Leibe eine solche Operation. Darüber berichtet Bösch genauso mitreißend wie über eine kleine psychiatrische Klinik in Curitiba, im südlichen Brasilien. Deren kreativer Umgang mit ihren Patienten inspirierte den Schweizer Psychiater derart, dass er dieses Modell nach Europa holen wollte.

Die im Buch gesammelten Fallbeispiele sind durchweg spannend und können Mut machen. Und sei es der Mut, seinem eigenen kritischen Verstand zu trauen. Gern auch im Umgang mit Durchsagen aus der sogenannten „geistigen Welt“. Denn festgestellt hat Jakob Bösch: „Leichtgläubigkeit ist, wenn es um Botschaften aus dem Jenseits geht, ein sehr verbreitetes Phänomen.“ Manchmal kostet diese Leichtgläubigkeit sogar Leben, wie im Falle einer an Krebs erkrankten Frau, die einer medial empfangenen Durchsage glaubte und die Chemotherapie absetzte.

Jakob Bösch erzählt von mehreren psychiatrisch anspruchsvollen Fällen, von Lösungen und gangbaren Wegen, die er für die Betroffenen herausfinden konnte – manches mithilfe des belgischen Mediums Anouk Claes, mit der er seit Jahren zusammenarbeitet. Dabei wird offenbar, dass es die Lösung für alle nicht gibt, sondern dass für jeden individuell geschaut werden sollte, was für diese Person am hilfreichsten ist.

Und obwohl Jakob Bösch mit Geistheilern und Medien zusammenarbeitet, bewahrt er sich einen klaren Blick und einen kritischen Verstand. Für ihn ist es nicht widersprüchlich, Schulmedizin bzw. Psychiatrie mit solchen ungewöhnlichen Ansätzen zu ergänzen. „Ich erkenne an, dass es gewisse Phänomene gibt: geistiges Heilen, mediale Durchsagen (…) und noch einiges mehr. Und ich arbeite mit Menschen zusammen, die solche Phänomene erkennen oder erzeugen. Das heißt aber nicht, dass ich mit ihnen unkritisch umgehen müsste.“

Einschätzung der Redaktion des Reiki Magazin: Inspirierend & fachlich versiert!
Parapsychiatrie: Streifzüge eines Psychiaters zwischen Schulmedizin und Geistheilung

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Franziska Rudnick

Veröffentlicht von

Franziska Rudnick praktiziert seit 1996 Reiki und wurde 2010 in England zur Reiki-Meisterin eingeweiht. Franziska ist Redakteurin des Reiki-Magazins. Ihr Buch "Heilende Begegnung", das 12 unterschiedliche Geistheiler portraitiert, ist 2012 im Windpferd-Verlag erschienen.

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