Die Philosophie des Abendlandes entstand
gegen 600 vor Christus in Griechenland. Auf der Basis der 700 v.
Chr. von Homer und Hesiod niedergeschriebenen griechischen
Mysterienschatzes ließ sich erstmals über die Mythen diskutieren. Die
Kritik an den Mythen, in denen das Wirken von Göttern und Überwesen als
Erklärung für natürliche Ereignisse diente, führte zu einem auf
Erfahrung und Vernunft aufbauenden Denken: "Das Ziel der ersten
griechischen Philosophen war es, natürliche Erklärungen für die
Naturprozesse zu finden." (Gaarder, S. 36).
Beim Versuch, ewige Naturgesetze zu entdecken,
gingen die ersten Philosophen davon aus, daß ein bestimmter Urstoff
hinter allen Veränderungen wirkt. So hielt Thales das Wasser für den
Ursprung der Dinge, Anaximanes die Luft oder den Lufthauch. Die Ansicht
von Anaximander, der meinte, daß unsere Welt nur eine von vielen ist,
die aus dem Unendlichen entstehen und wieder darin vergehen, erinnert
an das Everett-Wheeler-Graham-Modell der modernen Quantenmechanik bzw.
das Parallelweltenmodell der Science Fiction.
Der bekannteste Philosoph aus Elea,
einer griechischen Kolonie in Süditalien, war Parmenides (ca.
540-480 v. Chr.). Er glaubte, daß alles, was es gibt, immer schon
existiert hat und keine wirkliche Veränderung möglich sei. Unsere Sinne
würden uns ein falsches Bild der Welt vermitteln, da dieses Bild nicht
mit dem durch die Vernunft gebildeten übereinstimmen würde. Deshalb
wollte er alle Formen von Sinnestäuschungen entlarven. Dieses große
Vertrauen in die menschliche Vernunft als Quelle unseres Wissens über
die Welt, macht Parmenides zum Vertreter des Rationalismus.
Sein Zeitgenosse Heraklit aus Kleinasien
hielt dagegen dauernde Veränderung für den grundlegendsten
Charakterzug der Natur. Niemand kann zweimal in denselben Fluß steigen,
da sich beim zweiten Mal sowohl der betreffende Mensch als auch der
Fluß verändert hätten. Außerdem sei die Welt von dauernden Gegensätzen
geprägt, von Dualitäten wie Tag und Nacht, Sättigung und Hunger.
Laut Heraklit gibt es eine Weltvernunft, die alle Ereignisse in der
Natur lenkt und etwas namens Gott oder Logos, das allem zugrunde liegt
und damit die Einheit über der Dualität bildet.
Empedokles (ca. 494 – 434 v. Chr.) brachte die gegensätzlichen Meinungen
von Parmenides und Heraklit zusammen. Er unterschied zwischen Stoff
und Kraft, eine noch heute übliche Unterteilung der modernen
Wissenschaft. Die Grundstoffe Erde, Luft, Feuer und Wasser würden sich
stets aufs neue verbinden und trennen. So veränderten sich die Dinge,
aber die Grundstoffe blieben gleich. Die beiden Kräfte, die dies
bewirken, nannte er Liebe und Streit: "Was die Dinge verbindet, ist die
Liebe, was sie auflöst, der Streit." (Gaarder, S. 49)
Der Philosoph Anaxagoras
(500 – 428 v. Chr.) war der Ansicht, daß die Natur aus vielen
winzigen Teilen zusammengesetzt sei, die nicht mit den Augen
wahrgenommen werden könnten: "Alles läßt sich in noch kleiner Teile
teilen, aber selbst in den kleinsten Teilen steckt etwas von allem."
(Gaarder, S. 50) Auf diesem Prinzip beruht z.B. die moderne Holographie
oder der Zellkern des menschlichen Körpers. Die Kraft, die diese
Teilchen ordnet und verbindet, nannte er Geist.
Der letzte große Naturphilosoph war Demokrit
(ca. 460 – 370 v. Chr.) aus der nördlichen Ägäis. Wie Anaxagoras
nahm er an, daß alles aus kleinen, unsichtbaren Bausteinen
zusammengesetzt sein müsse. Diese ewigen und unveränderlichen Bausteine
nannte er Atome. Demokrit war Materialist, da seiner Ansicht nach die
Verbindung der Atome nicht aufgrund eines Schöpfergeistes erfolgte,
sondern einzig den unwandelbaren Gesetzen der Natur folgte.
Auch das Bewußtsein oder die Seele des Menschen bestünde nur aus
entsprechenden Selenatomen, die beim Tod des Menschen verstreut
davonwirbeln, um an anderer Stelle Teile einer neuen Seele zu werden.
Da die Seele sich also zusammen mit dem Gehirn auflösen würde, könnte
es keine unsterbliche Seele geben.
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